Das Theater im Kino präsentiert:

Letzte Worte
23. Mai 2016
von Karl Vitalij Karamasow
 
"What is the people but a herd confused, / A miscellaneous rabble, who extol / Things vulgar and, well weighed, scarce worth the praise? / They praise, and they admire they know not what, / And know not whom."
["Was ist das Volk als eine wirre Herde, / Ein bunter Haufe, der gemeine Dinge / Erhebt, die eigentlich nicht wert des Lobs? / Das preist, bewundert, und weiß doch nicht was, / Noch wen!"]
(John Milton, Wiedererobertes Paradies, 1671, Übers. v. Böttger)



Soviel Demokratie war nie. Oder heißt es Demoskopie? Jedenfalls erlebt der "große Lümmel" gerade eine weltweite Renaissance und vom Staatsmann bis zum Kritiker, vom Krämer bis zum Dorfschulzen horcht ein jeder auf's Angestrengteste, was der wohl gerade raunen mag. Regierungen hängen ihr Mäntelchen in den täglich drehenden Wind der Umfragen, die Journaille stenographiert alles haarklein mit, was die (offensichtlich) "kleinen Leute von der Straße" so halblaut vor sich hin denken, und sogar die Petrysten möchten künftig mit mehr Plebisziten Staat machen. Selbst die armen Britannier werden nun genötigt, sich für oder gegen Rom ... Verzeihung: Brüssel zu entscheiden. Als könnte man die Realität per Akklamation verlassen (gut, Nordkorea vielleicht, aber die haben wiederum ganz bestimmt niemanden gefragt). Oder wollt Ihr, in einer Variation auf Monty Python, mit der ganzen Insel davonrudern? Sonst kommen wir noch, schütten den Kanal zu, lassen Frauen in eure Herrenclubs, verkürzen Cricket-Spiele auf neunzig Minuten plus Nachspielzeit, bringen richtiges Bier mit und machen ein kontinentales Frühstück für alle obligatorisch. Ach ja: und eine richtige Republik werdet Ihr dann auch!
Dabei machen die Leute mit ihren Wahlzetteln doch immer nur Unsinn. Falten Papierflieger oder kritzeln obszöne Strichmännchen drauf. Und so hehr der Anblick aller auf dem Dorfplatz versammelten freien und waffentragenden Männer auch sein mag, außer Meinungen ist bei solchen Straßenumfragen, seien wir ehrlich, doch nix zu holen. Und die sind meist so wenig hilfreich, als wenn Sie einen blinden Pianisten zum Vorgehen bei Ihrer Prostata-OP befragen würden. Glauben Sie nicht? Dann stellen Sie doch mal eine Sachfrage im Internet, z.B.: Weiß jemand, wie ein Zwanziger Muffenstück an ein reverses Schrägsiphon geflanscht werden muss? In wenigen Sekunden bekommen Sie zwanzig eindeutige Angebote, fünfzig Beitrittsersuchen religiöser Sektierer, siebzig Morddrohungen politischer Aktivisten und hundert Katzenvideos. Eine einzige Antwort handelt vom Muffenstück: der weiß zwar nicht, was das ist, könnte sich aber vorstellen, dass ...
Schon weiter sind sie im osmanischen Recipstan. Dort haben sie das mit der Demokratie jetzt zu den Akten gelegt und das Restparlament hat sich als Zustimmungsverein in seine Krolloper entlassen.
Zu den wirklich wichtigen Sachen hat jedenfalls mich bislang niemand befragt. Ob z.B. die Nachtzüge jetzt allen Ernstes abgeschafft werden sollen, Schlafwagen, Liegewagen - zum Ende des Jahres alles passé. Und damit die Szenerie gefühlt der Hälfte aller existierenden Kriminalliteratur.
Und wenn dann ganz Europa (inklusive Israel und Australien ... fragen Sie mich nicht) mal im großen Stil mitwählen darf, dann machen sie alles falsch. Sonst wären wir in Stockholm doch nicht schon wieder Letzter geworden!


Klassiker des Tages:
"Die Meinung ist die Küche, worin alle Wahrheiten abgeschlachtet, gerupft, zerhackt, geschmort und gewürzt werden."
(Ludwig Börne, Gesammelte Schriften, 1823)

 

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